Sieben Wochen Freiheit: Was Berlin gewinnt, wenn der Staat loslässt

Bürokratie ist keine lästige Nebensache. Sie nimmt Menschen Lebenszeit. Zeit, in der sie arbeiten, ausbilden, investieren und eigene Entscheidungen treffen könnten.

Genau deshalb ist Bürokratieabbau ein Freiheitsprojekt.

Die IHK Berlin hat ausrechnen lassen, was weniger staatlicher Aufwand konkret bedeuten könnte. Für einen typischen Berliner Mittelständler mit 20 Beschäftigten würden bei einer Halbierung der bürokratischen Belastung rechnerisch rund 35 Arbeitstage im Jahr frei. Das sind sieben volle Arbeitswochen. Berlinweit sieht die Untersuchung ein Potenzial von mehr als einer Milliarde Euro zusätzlicher Wertschöpfung und rund 3.000 Arbeitsplätzen. BW Online

Sieben Wochen. Darüber sollten wir einen Augenblick nachdenken.

Eine kleine Geschichte über zurückgewonnene Zeit

Stellen wir uns eine Berliner Tischlerei mit 20 Beschäftigten vor. Der Betrieb ist ein beispielhafter, ausdrücklich fiktiver Fall. Die Größenordnung der Bürokratiezeit stammt jedoch aus der Berechnung der IHK.

Am Montagmorgen sitzt die Inhaberin nicht bei einem Kunden. Sie plant auch keine neue Küche und spricht nicht mit einem Auszubildenden. Sie sucht Daten zusammen, die eine Behörde bereits erhalten hat. Sie prüft Nachweise, überträgt Zahlen in ein weiteres Formular und wartet auf die Rückfrage einer Stelle, die für ihre Entscheidung Informationen einer anderen Stelle benötigt.

Nichts davon macht einen Schrank besser. Nichts davon schafft einen Ausbildungsplatz. Nichts davon überzeugt einen Kunden.

Nun stellen wir uns denselben Betrieb mit sieben zurückgewonnenen Arbeitswochen vor.

Die Inhaberin könnte einen zusätzlichen Auftrag persönlich begleiten. Ein Geselle könnte eine neue Maschine einrichten. Die Auszubildende bekäme mehr Zeit zum Lernen. Das Team könnte eine Produktidee testen, statt eine bekannte Angabe zum dritten Mal einzureichen.

Vielleicht nutzt der Betrieb die Zeit anders. Genau das ist der Punkt.

Freiheit bedeutet nicht, dass die Politik entscheidet, wofür diese Wochen verwendet werden. Freiheit bedeutet, dass die Menschen im Betrieb darüber entscheiden. Sie tragen das Risiko. Sie kennen ihre Kunden. Sie haften für Fehler. Also sollen sie auch über ihre Zeit verfügen.

Zeit ist Eigentum

Wir sprechen bei wirtschaftlicher Freiheit häufig über Steuern, Abgaben und Eigentum. Das ist richtig. Aber auch Zeit gehört zum eigenen Leben.

Wenn der Staat eine Meldung verlangt, braucht er dafür einen guten Grund. Wenn er dieselbe Information mehrfach verlangt, hat er keinen guten Grund, sondern ein Organisationsproblem. Dieses Problem darf er nicht dauerhaft auf Bürger und Unternehmen abwälzen.

Nicht jede Vorschrift ist überflüssig. Arbeitsschutz, Sicherheit, der Schutz von Verbrauchern und die Rechte Dritter brauchen klare und durchsetzbare Regeln. Ein liberaler Staat ist kein abwesender Staat. Er ist ein begrenzter Staat, der seine notwendigen Aufgaben verlässlich erfüllt.

Gerade deshalb muss für jede Pflicht gelten: notwendig, verständlich, verhältnismäßig und digital erfüllbar. Was diesen Test nicht besteht, muss weg.

Der Anfang ist gemacht. Jetzt muss das Prinzip gelten

Der Deutsche Bundestag berichtete am 12. Oktober über den Stand der Staatsmodernisierung. Danach sank der jährliche Erfüllungsaufwand der Wirtschaft in der laufenden Legislaturperiode bis zum 30. Juni 2026 per saldo um rund 1,7 Milliarden Euro. Die Bürokratiekosten aus Informationspflichten gingen um rund 232 Millionen Euro zurück. Deutscher Bundestag

Das zeigt: Entlastung ist möglich.

Interessant ist vor allem die angekündigte Umkehr der Beweislast. Künftig sollen nur Pflichten erhalten bleiben, deren besondere Erforderlichkeit das zuständige Ministerium ausdrücklich begründen kann.

Das ist der richtige Ansatz. Nicht der Bürger muss erklären, warum er von einer Pflicht verschont werden möchte. Der Staat muss erklären, warum er diese Pflicht überhaupt braucht.

Allerdings darf der Bürokratieabbau nicht selbst in einer neuen Reformbürokratie versanden. 23 Hebelprojekte und weitere 80 Maßnahmen klingen nach Bewegung. Entscheidend ist nicht die Zahl der Projekte. Entscheidend ist, ob Formulare verschwinden, Verfahren schneller werden und Bürger weniger Zeit verlieren.

Berlin kann sofort handeln

Berlin muss nicht auf jede bundesrechtliche Änderung warten. Das Land setzt eigene Regeln, organisiert seine Verwaltung und entscheidet über landesrechtliche Sonderwege.

Erstens braucht Berlin ein echtes Bürokratieentlastungsgesetz. Jede landesrechtliche Berichts-, Nachweis- und Dokumentationspflicht gehört auf den Prüfstand. Pflichten sollten grundsätzlich ein Ablaufdatum erhalten. Wer sie verlängern will, muss Nutzen, Kosten und Zeitaufwand offenlegen.

Zweitens muss das Prinzip gelten: einmal übermittelt, überall verfügbar. Wer dem Staat eine Angabe bereits gegeben hat, darf nicht als Kurier zwischen Behörden missbraucht werden. Natürlich nur innerhalb klarer Datenschutzregeln und mit nachvollziehbaren Zugriffsrechten.

Drittens brauchen wir eine Genehmigungsfiktion. Entscheidet eine Behörde nicht innerhalb der gesetzlichen Frist, gilt ein Antrag grundsätzlich als genehmigt. Ausnahmen sind dort nötig, wo Leben, Sicherheit, Eigentumsrechte oder erhebliche Rechte Dritter betroffen sind. Aber die Ausnahme darf nicht länger die heimliche Regel sein.

Viertens sollte Berlin keine zusätzlichen Beschaffungsregeln erfinden, wenn Bundesrecht und Europarecht bereits gelten. Jede Berliner Sondervorschrift muss begründet werden. Politische Selbstdarstellung ist kein ausreichender Grund.

Fünftens muss der Senat die eingesparte Zeit messen und öffentlich machen. Nicht nur neue Portale zählen. Entscheidend ist, wie viele Stunden Bürger und Betriebe tatsächlich weniger aufwenden.

Warum Berlin die FDP braucht

Die Berliner FDP fordert ein Bürokratieentlastungsgesetz, die einmalige Übermittlung bereits vorhandener Daten und eine grundsätzliche Genehmigung bei ausbleibender Verwaltungsentscheidung. Sie will außerdem das Berliner Vergabegesetz abschaffen und auf das Recht von Bund und EU zurückgehen. FDP Berlin

Das ist keine technische Nebenfrage. Es ist eine Entscheidung über das Verhältnis von Bürger und Staat.

Andere Parteien versprechen gern eine bessere Verwaltung, während sie ihr ständig neue Aufgaben geben. Sie digitalisieren das Formular, statt seine Notwendigkeit zu prüfen. Sie schaffen eine Anlaufstelle für das Problem, das ihre Regeln erst erzeugt haben.

Die FDP wird gebraucht, weil sie die Frage anders stellt: Muss der Staat das überhaupt verlangen?

Eine gute Zukunft entsteht nicht in einem Amt. Sie entsteht, wenn Menschen Ideen verfolgen, Verantwortung übernehmen und über ihre Zeit selbst entscheiden können. Der Staat soll ihre Rechte schützen, verlässliche Regeln setzen und dann Platz machen.

Sieben freie Arbeitswochen sind keine Kleinigkeit. Sie sind sieben Wochen für Kunden, Ausbildung, Innovation oder schlicht für das, was ein Betrieb selbst für richtig hält.

Berlin sollte diese Zeit zurückgeben.

Nicht irgendwann. Jetzt.