Die stärksten Denkmäler der Freiheit werden nicht vom Staat errichtet. Sie entstehen, wenn Menschen Verantwortung übernehmen, Risiken tragen und anderen einen Weg öffnen.
Vom 2. bis 4. Oktober wird in Bremen der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Wer verstehen will, worauf diese Einheit gebaut wurde, sollte auch nach Berlin schauen. Genauer: unter die Bernauer Straße.
Dort entstand 1964 der Tunnel 57. Seine Geschichte handelt nicht von einem staatlichen Programm. Sie handelt von jungen Menschen, die nicht akzeptierten, dass eine Mauer über Freundschaft, Liebe und Lebenswege entscheidet.
Einer von ihnen war Joachim Neumann.
Ein 22-Jähriger entscheidet sich für die Freiheit
Joachim Neumann war 22 Jahre alt, als er im Oktober 1961 aus Ostberlin floh. Er benutzte den Schweizer Pass eines Mannes, der ihm ähnlich sah. Der Mauerbau lag erst wenige Wochen zurück.
Neumann hätte im Westen ein neues Leben beginnen können. Er war frei. Seine Freundin und spätere Frau blieb jedoch in Ostberlin zurück. Auch Freunde lebten weiterhin unter der SED Diktatur.
Vor ihrer Flucht hatten sechs Freunde ein Versprechen gegeben: Wer es in den Westen schafft, hilft den anderen nachzukommen. Neumann hielt sich daran. Er schloss sich Fluchthelfern an und beteiligte sich an mehreren Tunnelprojekten. Sein Wissen aus dem Bauingenieurstudium nutzte er für Vermessung und Planung.
Das ist der entscheidende Punkt dieser Geschichte: Neumann verstand Freiheit nicht als bequemen Rückzug ins Private. Er nutzte seine eigene Freiheit, um anderen zu helfen.
145 Meter Hoffnung unter Berlin
Unter Leitung von Wolfgang Fuchs grub eine Gruppe überwiegend junger Menschen rund ein halbes Jahr lang. Der Weg führte von einem Gebäude an der Bernauer Straße 97 in den Osten zur Strelitzer Straße. Der Tunnel war etwa 145 Meter lang und verlief bis zu zwölf Meter unter der Erde.
In den Nächten vom 3. auf den 4. Oktober 1964 gelangten 57 Menschen durch diesen engen Gang in den Westen. Unter ihnen war auch Neumanns Freundin, die später seine Frau wurde. Chronik der Mauer
57 Menschen konnten ihr Leben wieder selbst bestimmen.
Sie konnten entscheiden, wo sie wohnen, was sie lernen, welchen Beruf sie ausüben und mit wem sie ihr Leben teilen wollten. Dinge, die uns heute selbstverständlich erscheinen, waren für sie nur durch Mut, Können und Zusammenarbeit erreichbar.
Das macht diese Geschichte so stark. Die Helfer warteten nicht darauf, dass eine Behörde zuständig wird. Sie besaßen keine Macht und kein großes Budget. Sie hatten Wissen, Werkzeuge, Vertrauen und ein gemeinsames Ziel.
Freiheit wurde hier nicht verkündet. Sie wurde vermessen, abgestützt und Zentimeter für Zentimeter freigelegt.
Mut darf nicht romantisiert werden
Der Tunnel wurde in der zweiten Nacht verraten. Bei einer Auseinandersetzung kam der DDR Grenzsoldat Egon Schultz ums Leben. Die SED Führung behauptete anschließend, ein Fluchthelfer habe ihn erschossen. Nach dem Ende der DDR wurde bekannt, dass der tödliche Schuss aus der Waffe eines anderen DDR Grenzers stammte.
Diese Tragödie gehört zur Geschichte. Freiheit darf nicht kitschig erzählt werden. Die Berliner Mauer war kein abstraktes Symbol. Sie war ein gewaltsames Instrument eines Staates, der seine Bürger einsperrte und die Wahrheit manipulierte.
Die Bundesrepublik von heute ist nicht die DDR. Eine langsame Genehmigung, eine hohe Steuer oder ein falsches Gesetz sind nicht mit einer Diktatur gleichzusetzen. Wer solche Unterschiede verwischt, verharmlost das Unrecht der SED.
Aber die grundlegende Lehre bleibt gültig: Der Staat ist für den Menschen da. Nicht der Mensch für den Staat.
Freiheit wird durch Verantwortung stark
Freiheit wird häufig als Abwehrrecht beschrieben. Das ist richtig. Der Staat darf nicht beliebig in Eigentum, Privatsphäre, Berufswahl oder Meinungsfreiheit eingreifen.
Doch Freiheit ist mehr. Sie ermöglicht Verantwortung.
Joachim Neumann war nicht frei, weil jemand ihm jede Entscheidung abnahm. Er war frei, weil er entscheiden konnte. Und er übernahm die Folgen seiner Entscheidung.
Die Helfer des Tunnel 57 brachten unterschiedliche Fähigkeiten zusammen. Einer konnte vermessen. Andere konnten graben, organisieren, beschaffen oder Menschen sicher durch die Stadt führen. Niemand musste zentral anordnen, wie diese Zusammenarbeit auszusehen hatte.
Das ist auch eine wirtschaftliche Erkenntnis. Menschen schaffen Lösungen, wenn man ihnen Wissen, Eigentum, Vertragsfreiheit und Handlungsspielraum lässt. Nicht jedes Ergebnis lässt sich am Schreibtisch planen. Nicht jede gute Idee braucht ein Förderprogramm. Nicht jede Verantwortung gehört in ein Amt.
Eine freie Gesellschaft vertraut darauf, dass Menschen mehr können, als Formulare über sie verraten.
Was diese Geschichte heute von uns verlangt
Heute geht es nicht darum, neue Tunnel unter Berlin zu graben. Es geht darum, die offenen Wege der Freiheit nicht wieder zu versperren.
Wir brauchen einen Rechtsstaat, der Bürger schützt, statt sie unter Generalverdacht zu stellen. Deshalb gehören anlasslose Überwachung, flächendeckende Datenspeicherung und das Durchleuchten privater Kommunikation abgelehnt.
Wir brauchen eine Wirtschaftsordnung, in der Menschen Unternehmen gründen, Eigentum erwerben und Ideen ausprobieren können, ohne zuerst durch einen Hindernislauf staatlicher Genehmigungen geschickt zu werden.
Wir brauchen Schulen und Hochschulen, die junge Menschen nicht nur auf Prüfungen vorbereiten, sondern ihnen Wissen, Urteilskraft und Selbstständigkeit vermitteln. Neumanns technisches Können war nicht Dekoration. Es wurde zum Werkzeug der Freiheit.
Und wir brauchen einen Staat, der seine Kernaufgaben ernst nimmt: äußere und innere Sicherheit, unabhängige Gerichte, Schutz individueller Rechte und eine verlässliche Infrastruktur. Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Regeln. Sie braucht wenige, klare und durchsetzbare Regeln.
Warum Deutschland eine starke FDP braucht
Keine Partei besitzt die Freiheit. Auch die FDP hat keinen Anspruch auf Vertrauen, nur weil das Wort liberal auf ihrem Etikett steht.
Sie muss sich dieses Vertrauen verdienen.
Aber Deutschland braucht eine Partei, die den einzelnen Menschen zum Ausgangspunkt der Politik macht. Eine Partei, die nicht bei jedem Problem zuerst nach einem Verbot, einer Subvention oder einer neuen Behörde ruft. Eine Partei, die Eigentum, Marktwirtschaft, Bürgerrechte, Rechtsstaat und persönliche Verantwortung als zusammengehörige Ordnung verteidigt.
Genau das sind die liberalen Grundwerte, auf die sich die FDP selbst verpflichtet: individuelle Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Bürgerrechte, Marktwirtschaft und Eigenverantwortung.
Nach schweren Wahlniederlagen reicht es nicht, Plakate auszutauschen und dieselben Sätze vorsichtiger zu formulieren. Die FDP muss wieder erkennbar die Partei sein, die den Bürgern vertraut.
Das bedeutet: Nein zur Massenüberwachung. Nein zu Enteignung und staatlicher Preislenkung. Nein zu einer Bürokratie, die jede private Initiative wie ein Risiko behandelt. Ja zu Eigentum. Ja zu Unternehmertum. Ja zu einem starken Rechtsstaat. Ja zu Menschen, die ihr Leben selbst gestalten und Verantwortung für andere übernehmen.
Das ist keine Interessenpolitik für wenige. Es ist ein Angebot an jeden, der etwas lernen, aufbauen, erfinden, besitzen oder weitergeben will.
Einheit braucht freie Menschen
Der Tag der Deutschen Einheit erinnert an einen großen politischen Erfolg. Doch die Einheit begann nicht erst mit Verträgen und Staatsakten. Sie wurde über Jahrzehnte von Menschen vorbereitet, die sich mit der Unfreiheit nicht abfanden.
Joachim Neumann und die Helfer des Tunnel 57 konnten die Mauer nicht allein beseitigen. Aber sie konnten 57 Menschen hindurchführen. Sie lösten nicht jedes Problem. Sie lösten ein konkretes.
Das ist eine ermutigende Botschaft für unsere Gegenwart.
Wir müssen nicht auf den perfekten politischen Moment warten. Wir können Verantwortung übernehmen, Wissen einsetzen, anderen helfen und neue Wege schaffen. Politik sollte diese Kraft nicht ersetzen. Sie sollte ihr Raum geben.
Eine gute Zukunft entsteht nicht durch einen Staat, der alles lenkt. Sie entsteht durch freie Menschen, die handeln.
Für diese Idee braucht Deutschland wieder eine mutige, glaubwürdige und starke FDP.
Freiheit fällt nicht vom Himmel. Sie wird gemacht.