Verteidigung ja. Wehrpflicht nein.

Wer die Freiheit verteidigen will, darf sie nicht aus Bequemlichkeit beschlagnahmen.

Deutschland braucht eine starke Bundeswehr. Die Bedrohung durch Russland ist real. Landesverteidigung, Bündnistreue und Abschreckung gehören zu den unverzichtbaren Aufgaben des Staates. Eine Regierung, die diese Aufgaben vernachlässigt, gefährdet die Freiheit aller.

Gerade deshalb muss die Debatte über die Wehrpflicht ehrlich geführt werden.

Der Staat darf nicht zuerst jahrelang Material, Beschaffung, Kasernen und Personalführung vernachlässigen und anschließend jungen Menschen erklären, nun müsse eben ihre Lebenszeit zwangsweise herangezogen werden. Personalmangel ist nicht automatisch ein Freibrief für staatlichen Zugriff.

Eine Armee, die nicht genügend Freiwillige gewinnt, muss zuerst ein besserer Arbeitgeber werden.

Berlin protestiert gegen den Zwang

In Berlin gingen Anfang Oktober erneut Tausende Menschen gegen eine mögliche Rückkehr der Wehrpflicht auf die Straße. Am 2. Oktober zählte die Polizei rund 2.000 Teilnehmer vor dem Brandenburger Tor. Am folgenden Tag demonstrierten nach Polizeiangaben etwa 5.800 Menschen gegen Wehrpflicht und Aufrüstung. Bericht zur Kundgebung vom 2. Oktober 2026 und Bericht zur Demonstration vom 3. Oktober 2026

Nicht jede Parole dieser Demonstrationen überzeugt. Wer angesichts des russischen Angriffskrieges so tut, als sei militärische Stärke grundsätzlich das Problem, verkennt die Wirklichkeit. Frieden entsteht nicht durch Wehrlosigkeit. Er braucht glaubwürdige Abschreckung.

Aber die grundlegende Sorge vieler junger Menschen ist berechtigt. Es geht um die Frage, ob der Staat über Monate ihres Lebens verfügen darf, weil er seinen Personalbedarf nicht zu marktgerechten Bedingungen decken kann.

Das ist keine Nebensache. Es ist eine Frage der Freiheit.

Der neue Wehrdienst ist nur teilweise freiwillig

Seit dem 1. Januar 2026 gilt der neue Wehrdienst. Die Bundesregierung bezeichnet ihn als freiwillig. Zugleich erhalten alle 18 Jahre alten Frauen und Männer einen Fragebogen zu Motivation und Eignung. Männer müssen ihn beantworten, Frauen können es freiwillig tun. Für Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008 wird zudem die Musterung verpflichtend. Bundestag: Beschluss zum neuen Wehrdienst

Das Wehrpflichtgesetz ermöglicht darüber hinaus eine sogenannte Bedarfswehrpflicht. Über ihre Einsetzung müsste der Bundestag durch ein weiteres Gesetz entscheiden. Geltendes Wehrpflichtgesetz

Bis 2035 soll die Bundeswehr nach den Plänen der Bundesregierung über mehr als 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten verfügen. Bundesregierung: Ziele des neuen Wehrdienstes

Das Ziel ist nachvollziehbar. Deutschland muss verteidigungsfähig sein.

Der Weg bleibt trotzdem falsch, wenn Freiwilligkeit nur so lange gilt, wie genügend Menschen den staatlich festgelegten Bedarf erfüllen. Eine Entscheidung ist nicht wirklich freiwillig, wenn im Hintergrund bereits die gesetzliche Zwangsoption aufgebaut wird.

Lebenszeit gehört dem Bürger

Wehrpflicht bedeutet mehr als eine Musterung und mehr als einige Monate in Uniform.

Ausbildung, Studium, Unternehmensgründung oder Berufseinstieg werden verschoben. Beziehungen und familiäre Pläne müssen sich nach einer staatlichen Auswahl richten. Wer eingezogen wird, darf über einen wesentlichen Teil seiner Zeit nicht mehr selbst entscheiden.

Der Staat verlangt damit keine gewöhnliche Bürgerpflicht. Er greift unmittelbar in Berufsfreiheit, Bewegungsfreiheit und persönliche Lebensplanung ein.

Artikel 12a des Grundgesetzes erlaubt es, Männer ab dem vollendeten 18. Lebensjahr zum Dienst in den Streitkräften zu verpflichten. Artikel 12a des Grundgesetzes

Dass ein Eingriff verfassungsrechtlich möglich ist, macht ihn politisch noch nicht richtig. Auch erlaubte staatliche Macht muss notwendig, geeignet und verhältnismäßig sein.

Im unmittelbaren Verteidigungsfall kann eine Einberufung notwendig werden. Ein freies Land darf sich verteidigen. Aber die Wehrpflicht im Frieden ist kein normales Instrument der Personalverwaltung. Sie muss das äußerste Mittel bleiben, nicht die bequeme Alternative zu besseren Arbeitsbedingungen.

Die Wehrpflicht ist eine versteckte Sondersteuer

Bei einer Freiwilligenarmee muss der Staat offen bezahlen, was Soldaten auf dem Arbeitsmarkt verlangen. Bei der Wehrpflicht kann er den Sold niedriger ansetzen und den verbleibenden Preis auf die Eingezogenen abwälzen.

Diese bezahlen mit Zeit, späterem Berufseinstieg und entgangenem Einkommen.

Ökonomisch ist das eine Sondersteuer, die nur eine kleine Gruppe trifft.

Das ifo Institut hat verschiedene Modelle untersucht. Würde wie bei der früheren Wehrpflicht ungefähr ein Viertel eines Jahrgangs eingezogen, könnten volkswirtschaftliche Kosten von rund 17,1 Milliarden Euro jährlich entstehen. Eine vergleichbare freiwillige Lösung mit höheren Gehältern würde nach der Modellrechnung rund 9,4 Milliarden Euro kosten. Die höheren sichtbaren Staatsausgaben wären wirtschaftlich günstiger, weil junge Menschen nicht zwangsweise aus Ausbildung und Arbeitsmarkt genommen würden. ifo Institut, 20. März 2025: Höhere Wehrdienstgehälter besser als Wehrpflicht

Das ist eine wichtige Unterscheidung.

Die Wehrpflicht wirkt im Haushalt billig, weil ein Teil ihrer tatsächlichen Kosten nicht beim Staat erscheint. Er steht in keiner Haushaltszeile. Er wird privat getragen.

Liberale Politik darf solche versteckten Lasten nicht akzeptieren.

Auswahlwehrpflicht ist nicht gerecht

Eine allgemeine Wehrpflicht klingt nach gleicher Verantwortung. In der Praxis würde aber nur ein Teil eines Jahrgangs gebraucht. Dann entscheidet eine Kombination aus Geschlecht, Tauglichkeit, Bedarf und Auswahl darüber, wer seine Freiheit abgeben muss und wer Ausbildung oder Karriere ungestört fortsetzen kann.

Das ist keine Wehrgerechtigkeit. Es ist eine staatliche Lotterie mit erheblichen Folgen für die Gewinner und Verlierer.

Hinzu kommt die Ungleichbehandlung der Geschlechter. Männer müssen den Fragebogen beantworten und werden verpflichtend gemustert. Für Frauen bleibt beides freiwillig.

Diese Regelung folgt dem geltenden Grundgesetz. Sie passt trotzdem schlecht zu einer Gesellschaft, die zu Recht gleiche Rechte und gleiche Chancen verlangt. Eine veraltete Verfassungsregel sollte nicht als bequeme Rechtfertigung für neue Ungleichheit dienen.

Die falsche Antwort wäre allerdings eine Pflicht für alle. Gleichheit lässt sich nicht dadurch herstellen, dass der Staat den Freiheitseingriff ausweitet.

Die richtige Antwort ist Freiwilligkeit für alle.

Eine starke Armee braucht bessere Angebote

Wer mehr Soldaten gewinnen will, muss die Bundeswehr so attraktiv machen, dass Menschen sich bewusst für den Dienst entscheiden.

Erstens braucht es eine wettbewerbsfähige Bezahlung. Gefährlicher Dienst, häufige Ortswechsel, besondere Loyalitätspflichten und mögliche Auslandseinsätze dürfen nicht mit Appellen an Patriotismus abgegolten werden.

Zweitens müssen Kasernen, Ausrüstung und Ausbildung funktionieren. Junge Menschen lassen sich nicht dauerhaft mit Werbekampagnen gewinnen, wenn Schutzwesten, Funkgeräte, Unterkünfte oder verlässliche Abläufe fehlen.

Drittens braucht die Bundeswehr klare und flexible Laufbahnen. Ein zeitlich begrenzter Dienst muss sich sinnvoll mit Studium, Ausbildung und Beruf verbinden lassen. Erworbene Qualifikationen sollten zivil nutzbar und nachvollziehbar anerkannt werden.

Viertens muss eine starke freiwillige Reserve aufgebaut werden. Reservisten brauchen verlässliche Verträge, planbare Übungen und eine faire Entschädigung. Arbeitgeber müssen frühzeitig planen können und dürfen nicht auf den Kosten militärischer Übungen sitzen bleiben.

Fünftens muss die Beschaffung grundlegend vereinfacht werden. Mehr Personal allein schafft keine Verteidigungsfähigkeit, wenn Material zu spät bestellt, zu teuer eingekauft oder durch bürokratische Verfahren blockiert wird.

Sechstens darf es auch kein allgemeines soziales Pflichtjahr geben. Pflege, Rettungsdienste und soziale Einrichtungen brauchen qualifizierte und angemessen bezahlte Mitarbeiter. Junge Menschen als billige Pflichtkräfte einzusetzen, würde strukturelle Probleme verdecken und reguläre Arbeit entwerten.

Freiwilligendienste können gestärkt werden. Aber ein freiwilliger Dienst verliert seinen Sinn, sobald aus gesellschaftlicher Anerkennung staatlicher Zwang wird.

Sicherheit ist eine Kernaufgabe des Staates

Ein klassisch liberaler Staat ist kein schwacher Staat.

Er verzichtet auf Erziehung, Detailsteuerung und immer neue Umverteilung. Dafür erfüllt er seine Kernaufgaben konsequent. Innere und äußere Sicherheit gehören dazu.

Deutschland muss deshalb mehr in einsatzfähige Streitkräfte, Munition, Luftverteidigung, Aufklärung, Cyberabwehr und europäische Zusammenarbeit investieren. Es muss seine Zusagen gegenüber den NATO Partnern erfüllen und die Ukraine weiter bei ihrer Selbstverteidigung unterstützen.

All das kostet Geld. Sicherheit ist nicht kostenlos.

Gerade deshalb gehört der vollständige Preis in den Bundeshaushalt. Die Gesellschaft muss gemeinsam bezahlen, was ihre Verteidigung tatsächlich kostet. Der Staat darf den Preis nicht durch Zwang verbilligen und einseitig jungen Männern aufladen.

Die FDP hat den richtigen Kompass

Die FDP spricht sich für die Beibehaltung der ausgesetzten Wehrpflicht und für eine professionelle Freiwilligenarmee aus aktiven Soldaten und einer starken Reserve aus. Sie fordert bessere Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Vorteile für den Dienst. FDP: Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht beibehalten

Das ist die richtige liberale Linie.

Eine starke Bundeswehr und individuelle Freiheit sind keine Gegensätze. Eine professionelle Armee schützt Freiheit gerade deshalb glaubwürdig, weil ihre Soldaten sich bewusst für diesen anspruchsvollen Beruf entschieden haben.

Die FDP muss diese Position selbstbewusst vertreten. Gegen die Illusion der Linken, Sicherheit entstehe durch Abrüstung. Gegen die Bequemlichkeit der Union, Personalprobleme mit Zwang lösen zu wollen. Und gegen sozialdemokratische Modelle, die Freiwilligkeit versprechen, aber die Pflicht bereits vorbereiten.

Deutschland braucht mehr Verteidigungsfähigkeit. Es braucht bessere Ausrüstung, mehr Soldaten und eine starke Reserve.

Aber junge Menschen gehören nicht dem Staat.

Der Bundestag sollte die verpflichtende Musterung wieder abschaffen und eine Bedarfswehrpflicht ausschließen, solange nicht ein tatsächlicher Verteidigungsfall jedes mildere Mittel unmöglich macht.

Bezahlt den Dienst angemessen. Macht die Bundeswehr funktionsfähig. Gewinnt Menschen durch ein überzeugendes Angebot.

Verteidigung ja. Wehrpflicht nein.