Olympia in Berlin: Große Chance, aber kein Blankoscheck

Berlin will Olympische und Paralympische Spiele ausrichten. Am 26. September entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund, ob Berlin, München oder KölnRheinRuhr für Deutschland ins internationale Rennen gehen soll. DOSB: Olympiabewerbung und Entscheidungsverfahren

Das Kuratorium der Berliner Bewerbung hat kurz vor dieser Entscheidung eine positive Bilanz gezogen. Der Senat wirbt mit einem Konzept, das auf vorhandene Sportstätten, kurze Wege und einen langfristigen Nutzen für die Stadt setzt. Senatskanzlei Berlin, 7. September 2026

Ich halte die Bewerbung grundsätzlich für richtig. Berlin darf sich große Ziele zutrauen. Aber Begeisterung ersetzt keine belastbare Rechnung. Wer öffentliche Unterstützung erwartet, muss Kosten, Risiken und dauerhaften Nutzen nachvollziehbar darlegen.

Olympia kann Berlin voranbringen. Es darf nur nicht zum Blankoscheck werden.

Das Berliner Konzept hat echte Stärken

Nach Angaben des Senats sind 97 Prozent der benötigten Sportstätten bereits vorhanden. Das ist ein gewichtiges Argument. Berlin müsste nicht zuerst eine neue olympische Stadt errichten, die nach wenigen Wochen ihre Funktion verliert. Berlin.de: Konzept der Olympiabewerbung

Das Konzept setzt unter anderem auf den Olympiapark, das Olympiastadion, die Max Schmeling Halle, das Velodrom, die Alte Försterei und das Sportforum Hohenschönhausen. Wettbewerbe sollen außerdem im öffentlichen Raum stattfinden. Partnerstandorte in Brandenburg, Sachsen und an der Ostsee ergänzen die Bewerbung. DOSB: Das Konzept Berlin+

Auch das geplante Olympische und Paralympische Dorf kann einen dauerhaften Wert schaffen. Vorgesehen ist ein neues Stadtquartier am Stadteingang West mit mindestens 2.500 bezahlbaren Wohnungen, Grünflächen sowie Sport und Begegnungsräumen. Nach den Spielen sollen die Wohnungen den Berlinerinnen und Berlinern zur Verfügung stehen.

Das ist der richtige Ansatz: vorhandene Anlagen nutzen und neue Infrastruktur nur dort schaffen, wo sie anschließend gebraucht wird.

Eine Gewinnprognose ist noch kein Gewinn

Der Senat veranschlagt für die Organisation der Spiele Kosten von 4,82 Milliarden Euro. Erwartet werden Einnahmen von 5,24 Milliarden Euro. Daraus würde rechnerisch ein Überschuss von rund 420 Millionen Euro entstehen, der Schulen und dem Breitensport zugutekommen soll. Berlin.de, 5. Mai 2026

Das klingt attraktiv. Trotzdem muss klar sein: Eine Prognose ist keine Garantie.

Großprojekte sind anfällig für steigende Baupreise, nachträgliche Sicherheitsanforderungen, Verzögerungen und optimistische Einnahmeerwartungen. Zudem muss sauber getrennt werden zwischen den eigentlichen Veranstaltungskosten und Investitionen, die das Land ohnehin tätigen müsste. Nur dann lässt sich erkennen, welche finanziellen Verpflichtungen tatsächlich durch Olympia entstehen.

Gerade angesichts des für 2026 erwarteten Berliner Finanzierungsdefizits von knapp 4,6 Milliarden Euro darf die Politik mögliche Risiken nicht kleinrechnen. Große Ziele und solide Finanzen sind kein Widerspruch. Sie gehören zusammen. Land Berlin: Finanzierungsdefizit 2026

Berlin braucht eine unabhängige Kostenprüfung

Vor weiteren verbindlichen Entscheidungen sollte das vollständige Finanzmodell unabhängig geprüft und veröffentlicht werden. Dazu gehören mindestens:

  • die Annahmen zu Ticketverkauf, Sponsoring und sonstigen Einnahmen
  • sämtliche Sicherheitskosten
  • Investitionen in Sportstätten, Verkehr und Barrierefreiheit
  • mögliche Garantien des Landes
  • Rückstellungen für Kostensteigerungen
  • die späteren Betriebs- und Unterhaltungskosten

Außerdem braucht es eine klare Obergrenze für das finanzielle Risiko des Landes. Änderungen am Budget dürfen nicht stillschweigend durchgewinkt werden. Werden vereinbarte Grenzen überschritten, muss das Abgeordnetenhaus erneut entscheiden.

Transparenz ist kein Hindernis für eine erfolgreiche Bewerbung. Sie ist die Voraussetzung für Vertrauen.

Der Nutzen muss in den Bezirken ankommen

Olympische Spiele wären kein Erfolg, wenn sie lediglich schöne Fernsehbilder produzieren und anschließend höhere Kosten hinterlassen.

Der Nutzen muss dort ankommen, wo Berlinerinnen und Berliner Sport treiben: in Schulen, Vereinen, Schwimmbädern und öffentlich zugänglichen Anlagen. Jede größere Investition sollte deshalb mit einem verbindlichen Plan für die spätere Nutzung verbunden werden.

Das gilt besonders für Barrierefreiheit. Paralympische Spiele dürfen nicht nur während weniger Wochen sichtbar sein. Sie sollten Anlass sein, Sportstätten und Verkehrswege dauerhaft besser zugänglich zu machen.

Auch die versprochenen Wohnungen dürfen nicht irgendwann aus dem Konzept verschwinden oder unbezahlbar werden. Für das geplante Quartier braucht es frühzeitig Baurecht, einen realistischen Zeitplan, eine gesicherte Finanzierung und eine klare Nutzung nach den Spielen.

Beteiligung darf keine Werbeveranstaltung sein

In München und KölnRheinRuhr wurde die Bewerbung durch Referenden bestätigt. Hamburg ist nach einem ablehnenden Bürgervotum aus dem Verfahren ausgeschieden.

In Berlin ersetzt ein mit Zweidrittelmehrheit gefasster Beschluss des Abgeordnetenhauses ein Referendum. Nach Angaben des DOSB gibt es im Land keine rechtliche Grundlage dafür, dass der Senat selbst eine Volksabstimmung ansetzt. DOSB: Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses

Der parlamentarische Beschluss ist demokratisch legitim. Trotzdem sollte die Beteiligung der Stadtgesellschaft nicht mit einigen Dialogveranstaltungen enden.

Die Menschen müssen erfahren, welche Belastungen entstehen können, welche Stadtteile betroffen sind und welche dauerhaften Verbesserungen zugesagt werden. Beteiligung bedeutet nicht, nur Zustimmung zu organisieren. Sie bedeutet, Kritik aufzunehmen und das Konzept erkennbar zu verändern, wenn Argumente überzeugen.

Berlin darf sich etwas zutrauen

Nach Jahren, in denen viele Debatten vor allem vom Mangel geprägt waren, kann eine Olympiabewerbung Energie freisetzen. Sie kann Investitionen beschleunigen, den Breitensport stärken, internationale Aufmerksamkeit schaffen und Berlin als weltoffene Stadt zeigen.

Aber genau weil das Projekt groß ist, muss der Maßstab streng sein. Keine geschönten Rechnungen. Keine versteckten Garantien. Keine Anlagen ohne sinnvolle spätere Nutzung. Und keine Verträge, deren wesentliche Inhalte der Öffentlichkeit vorenthalten werden.

Ich wünsche Berlin eine erfolgreiche Bewerbung. Zuvor muss die Stadt jedoch zeigen, dass sie aus früheren Großprojekten gelernt hat.

Olympia verdient Begeisterung. Die Berlinerinnen und Berliner verdienen Ehrlichkeit.

Berlin sollte antreten, um zu gewinnen. Aber nur mit einem Konzept, bei dem auch die Stadt langfristig gewinnt.