Olympia Aus: Berlins Rückzug ist richtig

Berlin hat richtig entschieden. Eine Stadt, die ihre Kernaufgaben nicht zuverlässig erfüllt, darf kein kaum begrenztes Milliardenrisiko für Olympische Spiele übernehmen.

Kurz vor der Entscheidung des Deutschen Olympischen Sportbundes zieht Berlin seine Bewerbung für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 zurück. Damit endet ein Projekt, das große Bilder lieferte, aber auf entscheidende Fragen keine überzeugenden Antworten hatte.

Wie hoch wären die Gesamtkosten für die Steuerzahler geworden? Wer hätte Kostenüberschreitungen getragen? Was hätte die Sicherheit gekostet? Und warum sollten die Berliner eine langfristige Verpflichtung eingehen, ohne selbst darüber abstimmen zu dürfen?

Diese Fragen waren nicht nebensächlich. Sie waren der Kern der Entscheidung.

Der Rückzug ist deshalb kein Zeichen mangelnden Mutes. Er ist die überfällige Absage an politische Großmannssucht auf fremde Rechnung.

Berlin war deutlich abgeschlagen

Die Bewerbung wurde nicht auf der Zielgeraden aus einer aussichtsreichen Position genommen. Berlin lag bereits klar zurück.

Die Evaluierungskommission des Deutschen Olympischen Sportbundes bewertete München mit 87 von 100 Punkten und Köln Rhein Ruhr mit 85 Punkten. Beide Konzepte erhielten die Bewertung „sehr gut“. Berlin kam lediglich auf 74,6 Punkte und landete auf dem letzten Platz. rbb24, 23. September 2026: Berlin zieht seine Olympiabewerbung zurück

Hinzu kam ein entscheidender Unterschied: In München und Nordrhein Westfalen hatten die Bürger den Bewerbungen ausdrücklich zugestimmt. Berlin verzichtete auf ein vergleichbares Votum.

Der frühere Senat wollte eines der größten und langfristigsten Projekte der Stadt ohne verbindliche Abstimmung der Berliner vorantreiben. Das war ein schwerer politischer Fehler.

Wer die Bevölkerung bei einer solchen Entscheidung nicht fragt, darf sich anschließend nicht über fehlenden Rückhalt wundern.

Die schöne Gewinnrechnung war unvollständig

Der Senat rechnete für die Durchführung der Spiele mit Ausgaben von rund 4,8 Milliarden Euro und Einnahmen von etwa 5,2 Milliarden Euro. Daraus sollte ein Überschuss von 420 Millionen Euro entstehen.

Das klang nach einem Geschäft, bei dem Berlin nur gewinnen konnte.

Doch diese Rechnung zeigte nicht die gesamte Belastung.

Zusätzlich waren 1,59 Milliarden Euro für Sportstätten, Verkehr und andere öffentliche Investitionen vorgesehen. Dieses Geld wäre überwiegend von der öffentlichen Hand gekommen. Für Sicherheitsmaßnahmen gab es noch nicht einmal eine belastbare Kostenschätzung.

Allein die weitere Bewerbung sollte voraussichtlich zehn Millionen Euro kosten. Für Unvorhergesehenes waren in anderen Budgets bereits rund 840 Millionen Euro eingeplant. Bei einzelnen Großprojekten drohten zusätzlich sogenannte Beschleunigungskosten, wenn Bauarbeiten wegen Olympia schneller hätten abgeschlossen werden müssen. rbb24, 9. Mai 2026: Was Olympia Berlin gekostet hätte

Ein prognostizierter Veranstaltungsgewinn ist wertlos, wenn wesentliche öffentliche Kosten außerhalb dieser Rechnung stehen.

Steuerzahler brauchen keine optimistische Präsentation. Sie brauchen eine vollständige Bilanz.

Das Sicherheitsbudget war ein offener Blankoscheck

Besonders problematisch war das fehlende Sicherheitsbudget.

Olympische Spiele gehören zu den aufwendigsten und gefährdungssensibelsten Veranstaltungen der Welt. Polizeieinsätze, Schutzkonzepte, Zugangskontrollen, Technik, Rettungsdienste und internationale Sicherheitsanforderungen kosten erhebliche Summen.

Der Senat erklärte, diese Kosten ließen sich noch nicht seriös beziffern.

Das mag sachlich nachvollziehbar sein. Politisch folgt daraus aber nicht, dass man die Bewerbung trotzdem vorantreibt. Es folgt daraus, dass das finanzielle Risiko nicht bestimmbar war.

Wer einen Vertrag mit unbekannter Rechnung unterschreibt, handelt privat leichtsinnig. Der Staat darf denselben Fehler nicht mit dem Geld anderer Menschen machen.

Eine liberale Finanzpolitik fragt nicht zuerst, welche Zuschüsse möglicherweise fließen. Sie fragt, welche Verpflichtungen entstehen, wer haftet und welches Risiko beim Steuerzahler bleibt.

Auf diese Fragen gab es keine belastbaren Antworten.

Zuschüsse sind kein geschenktes Geld

CDU Spitzenkandidat Stefan Evers kritisiert den Rückzug und behauptet, Berlin verliere dadurch Milliardenzuschüsse für Sport, Infrastruktur und Stadtentwicklung.

Das ist die typische Sprache einer Politik, die jede Subvention bereits als Gewinn verbucht.

Bundesmittel sind kein Geldgeschenk aus dem Nichts. Sie stammen von Steuerzahlern. Auch Berliner zahlen Bundessteuern. Zuschüsse werden zudem nicht dafür gezahlt, ein Problem günstiger zu lösen. Sie werden gezahlt, weil vorher zusätzliche Ausgaben beschlossen wurden.

Eine Stadt wird nicht reicher, wenn sie zwei Milliarden Euro ausgibt, um eine Milliarde Euro Zuschuss zu erhalten.

Entscheidend ist der Nutzen nach Abzug sämtlicher Kosten. Genau dieser Nachweis fehlte.

Wer den Verzicht auf eine unsichere Ausgabe als Verlust bezeichnet, hat den Unterschied zwischen Geld erhalten und Geld gespart nicht verstanden.

Olympia ist kein Ersatz für normale Politik

Befürworter versprachen, Olympia könne den Nahverkehr modernisieren, Sportstätten sanieren, Wohnungen schaffen und Verwaltungsverfahren beschleunigen.

Damit beschrieben sie vor allem das Versagen der normalen Berliner Politik.

Warum braucht Berlin Olympische Spiele, damit Schwimmbäder saniert werden? Warum müssen Millionen Besucher angekündigt werden, bevor Verkehrsinfrastruktur modernisiert wird? Warum kann die Verwaltung bei einem Prestigeprojekt plötzlich schneller entscheiden, während private Bauherren, Unternehmer und Bürger jahrelang warten?

Eine funktionierende Stadt erledigt notwendige Aufgaben, weil sie notwendig sind. Nicht weil ein internationales Sportereignis einen festen Termin setzt.

Berlin braucht bessere Schulen, eine funktionierende Verwaltung, sichere Straßen, verlässliche Verkehrssysteme und gepflegte Sportanlagen. Diese Aufgaben bleiben nach dem Olympia Aus bestehen.

Sie werden aber nicht leichter, wenn die Politik zusätzlich ein Milliardenereignis organisiert.

Sportstätten sanieren, ohne das IOC einzuladen

Der Rückzug darf nicht als Ausrede dienen, nun auch notwendige Investitionen in den Berliner Sport abzusagen.

Viele Anlagen sind marode. Vereine warten auf Sanierungen. Schwimmbäder, Hallen und Plätze müssen nutzbar sein. Dafür braucht Berlin jedoch kein olympisches Gesamtpaket.

Die Stadt sollte jede geplante Maßnahme einzeln prüfen:

  • Wird die Anlage von Schulen, Vereinen oder Bürgern dauerhaft benötigt?
  • Kann ein privater Betreiber die Sanierung oder den Betrieb übernehmen?
  • Sind Kooperationen mit Vereinen, Unternehmen und Stiftungen möglich?
  • Welche Vorgaben und Verfahren verteuern das Projekt unnötig?
  • Welches Vorhaben hat tatsächlich Priorität?

Was ohne Olympia sinnvoll ist, sollte umgesetzt werden. Was nur für ein zweiwöchiges Großereignis gebraucht worden wäre, gehört gestrichen.

So trennt man Infrastruktur von Prestige.

Private Begeisterung braucht keine staatliche Verlustgarantie

Olympische Spiele faszinieren Millionen Menschen. Sport verbindet, schafft Vorbilder und kann einer Gastgeberstadt weltweite Aufmerksamkeit bringen.

Gerade deshalb sollte der Sport selbstbewusst genug sein, stärker auf private Finanzierung zu setzen.

Medienrechte, Sponsoring, Tickets, Vermarktung und Tourismus erzeugen erhebliche Einnahmen. Wenn Unternehmen, Verbände und Investoren von einem Großereignis überzeugt sind, müssen sie bereit sein, eigenes Kapital einzusetzen und Risiken zu übernehmen.

Der Staat kann Sicherheit gewährleisten und allgemeine Regeln setzen. Er sollte aber nicht als kostenloser Versicherer eines internationalen Milliardengeschäfts auftreten.

Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren ist nicht Marktwirtschaft. Es ist organisierte Verantwortungslosigkeit.

Die Berliner Bewerbung sah keine überzeugende Grenze für das öffentliche Risiko vor. Damit war ihr wirtschaftliches Fundament zu schwach.

Das Verfahren war politisch schlecht geführt

Der Rückzug ist richtig. Der Weg dorthin war es nicht.

CDU und SPD haben die Bewerbung mit großen Versprechen vorangetrieben, ohne vorher einen verbindlichen Rückhalt in der Bevölkerung zu schaffen. Die Entscheidung des DOSB wurde zudem nur wenige Tage nach der Berliner Wahl angesetzt. Damit hing ein langfristiges Projekt ausgerechnet von einer Phase größtmöglicher politischer Unsicherheit ab.

Nach der Wahl war die bisherige Koalition abgewählt. Linke und Grüne lehnten die Bewerbung ab. Eine verlässliche politische Mehrheit über mehrere Wahlperioden war nicht mehr erkennbar.

Unter diesen Umständen hätte der DOSB Berlin kaum den Vorzug geben können. Internationale Großprojekte brauchen Stabilität. Berlin bot Streit, offene Rechnungen und fehlende Zustimmung.

Die Verantwortung dafür allein Elif Eralp zuzuschieben, ist zu einfach. Der Rückzug erfolgte durch den noch amtierenden schwarz roten Senat. Und das schlechte Ergebnis der DOSB Bewertung betrifft das eingereichte Konzept von CDU und SPD.

Wer ein Projekt ohne Bürgerentscheid und ohne abgesicherte Finanzierung beginnt, trägt Verantwortung, wenn es scheitert.

Jetzt müssen die bereits entstandenen Kosten auf den Tisch

Mit dem Rückzug endet die Bewerbung. Die politische Aufarbeitung beginnt erst.

Der Senat muss offenlegen, wie viel Geld bisher ausgegeben oder verbindlich zugesagt wurde. Dazu gehören Beratung, Personal, Veranstaltungen, Kommunikation, Studien, Reisen und Aufträge an externe Dienstleister.

Ebenso muss geklärt werden, welche Verträge beendet werden können und welche Verpflichtungen fortbestehen. Die Zusammenarbeit mit Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg Vorpommern darf nicht mit einer Pressemitteilung abgeräumt werden. Die Partner haben Anspruch auf eine nachvollziehbare Abrechnung.

Das ist keine nachträgliche Rechthaberei. Es ist der normale Umgang mit öffentlichem Geld.

Jedes größere staatliche Projekt braucht am Ende eine Bilanz. Auch ein abgebrochenes.

Berlin hat wichtigere Aufgaben

Berlin muss nicht jede internationale Großveranstaltung ablehnen. Die Stadt darf ambitioniert sein. Sie darf Gastgeber sein und sich weltweit zeigen.

Aber Ambition ohne Prioritäten ist Verschwendung.

Eine Stadt, deren Bürger monatelang auf Verwaltungstermine warten, deren Schulen saniert werden müssen und deren Verkehrsinfrastruktur regelmäßig an ihre Grenzen stößt, sollte zuerst ihre Grundlagen in Ordnung bringen.

Das ist weniger spektakulär als eine Eröffnungsfeier. Es ist aber die eigentliche Aufgabe des Staates.

Der Rückzug aus der Olympiabewerbung ist deshalb richtig. Berlin verliert keine sicheren Milliarden. Berlin beendet ein schlecht abgesichertes Milliardenrisiko.

Jetzt müssen die bereits entstandenen Kosten offengelegt, sinnvolle Sportprojekte einzeln bewertet und alle unnötigen Verpflichtungen beendet werden.

Berlin braucht keine olympische Abkürzung zur funktionierenden Stadt.

Berlin braucht eine Politik, die ihre Kernaufgaben endlich erledigt.