Berlin ist Deutschlands Hauptstadt, eine der bedeutendsten deutschen Digitalmetropolen Europas und Heimat einer starken Gründerszene. Trotzdem reicht es bei der Digitalisierung der Stadt nur für Platz 33.
Das ist kein kleiner Schönheitsfehler. Es ist politisches Versagen mit Folgen für Bürger, Unternehmen und die Handlungsfähigkeit des Staates.
Wer in Berlin ein Gewerbe anmeldet, eine Baugenehmigung braucht oder einen Verwaltungsvorgang klären muss, sollte nicht dafür bezahlen, dass Zuständigkeiten kompliziert und Systeme schlecht verbunden sind. Eine moderne Verwaltung ist kein Luxus. Sie ist Teil einer funktionierenden öffentlichen Infrastruktur.
Die Zahlen sind eindeutig
Der am 8. September veröffentlichte Smart City Index 2026 untersucht alle 83 deutschen Großstädte ab 100.000 Einwohnern. Grundlage sind 14.442 geprüfte Datenpunkte aus fünf Bereichen: Verwaltung, Energie und Umwelt, IT und Kommunikation, Mobilität sowie Gesellschaft und Bildung. Die Kommunen konnten eigene, mit Quellen belegte Daten liefern. Bitkom hat diese Angaben geprüft und validiert. [Bitkom: Methodik und Ergebnisse des Smart City Index 2026]
Berlin erreicht 77,5 von 100 Punkten und landet auf Rang 33. Stuttgart kommt auf 92,8 Punkte, München auf 92,0 und Hamburg auf 91,5. Unter den deutschen Millionenstädten ist Berlin damit das deutliche Schlusslicht. [Bitkom: Berliner Einzelergebnis]
Besonders ernüchternd ist der Blick auf die Teilbereiche:
- Verwaltung: Platz 48
- Energie und Umwelt: Platz 59
- IT und Kommunikation: Platz 59
- Gesellschaft und Bildung: Platz 29
- Mobilität: Platz 4
Berlin kann digital also durchaus liefern. Der vierte Platz bei der Mobilität beweist es. Genau deshalb taugt die Größe der Stadt nicht als Ausrede für die schwachen Ergebnisse in anderen Bereichen.
Eine gute App macht noch keinen digitalen Staat
Berlin erreicht beim smarten öffentlichen Nahverkehr, bei Sharing Angeboten und bei der Verknüpfung verschiedener Verkehrsformen sehr hohe Werte. Das ist erfreulich. Es zeigt, welchen Nutzen Digitalisierung haben kann, wenn sie aus Sicht der Nutzer gedacht wird.
Doch eine Stadt ist nicht schon deshalb digital, weil sich Busverbindungen auf dem Smartphone finden lassen.
Entscheidend ist, ob Bürger und Unternehmen ihre Anliegen vollständig digital erledigen können. Ohne Ausdruck. Ohne persönlichen Botengang. Ohne erneute Eingabe von Daten, die einer Behörde längst vorliegen. Und ohne die Frage, ob nun der Bezirk, der Senat oder eine nachgeordnete Stelle zuständig ist.
Im Bereich Verwaltung fällt Berlin gegenüber dem Vorjahr um acht Plätze auf Rang 48 zurück. Das ist die politische Warnung hinter dem Gesamtergebnis. [IHK Berlin: Berlin hinkt im Smart City Index hinterher]
Digitalisierung darf nicht länger bedeuten, ein analoges Formular als PDF ins Netz zu stellen. Ein schlechter Prozess wird nicht besser, nur weil er auf einem Bildschirm erscheint.
Berlins Stärke entsteht trotz der Verwaltung
Berlin erreicht beim Indikator Digital Szene 100 Punkte. Auch bei lokalen Startup Hubs und dem Open Data Portal steht die Stadt stark da. Gleichzeitig liegt sie bei IT und Kommunikation insgesamt nur auf Platz 59. Beim Glasfaserausbau kommt Berlin im Index auf 52,8 Punkte, bei Smart City Daten auf 33,3 Punkte. [Bitkom: Detailwerte für Berlin]
Dieser Widerspruch ist bezeichnend. Die Stadt verfügt über kluge Köpfe, innovative Unternehmen, Hochschulen und eine lebendige Gründerszene. Was Berlin aus eigener Kraft hervorbringt, ist oft hervorragend. Was die öffentliche Hand daraus für ihre eigenen Abläufe macht, bleibt zu häufig hinter den Möglichkeiten zurück.
Das kostet Zeit und Geld. Unternehmen warten länger auf Entscheidungen. Beschäftigte in den Behörden müssen Informationen mehrfach erfassen oder zwischen nicht verbundenen Systemen übertragen. Bürger verbringen Stunden mit Vorgängen, die andernorts in Minuten erledigt werden.
Diese Kosten stehen in keinem Haushaltstitel. Sie sind trotzdem real.
Die Verantwortung liegt bei der politischen Führung
Seit Jahren wird in Berlin über Verwaltungsmodernisierung gesprochen. Konzepte, Zuständigkeitsdebatten und Pilotprojekte gibt es genug. Was fehlt, ist die konsequente Umsetzung über Senatsverwaltungen und Bezirke hinweg.
Der amtierende Senat kann das Ergebnis nicht als Erblast behandeln. Wer regiert, trägt Verantwortung für Fortschritt und Stillstand. Nach mehr als drei Jahren CDU und SPD muss die Frage erlaubt sein, warum die Hauptstadt bei der digitalen Verwaltung nur Rang 48 erreicht und gegenüber dem Vorjahr weiter zurückfällt.
Dabei geht es nicht darum, Beschäftigte pauschal zu kritisieren. Viele arbeiten täglich gegen komplizierte Regeln, Personalmangel und überholte Technik an. Politisch verantwortlich sind diejenigen, die Prioritäten setzen, Zuständigkeiten ordnen und Ergebnisse einfordern müssen.
Digitalisierung ohne klare Führung endet in vielen Einzelprojekten, aber nicht in einem funktionierenden Gesamtsystem.
Berlin braucht vier verbindliche Entscheidungen
Erstens muss für jeden wichtigen Verwaltungsvorgang eine Stelle die Verantwortung vom Antrag bis zum Ergebnis tragen. Bürger und Unternehmen dürfen nicht länger die interne Organisation der Stadtverwaltung entschlüsseln müssen.
Zweitens braucht Berlin verbindliche digitale Standards für Senat und Bezirke. Nicht jede Behörde benötigt eine eigene technische Sonderlösung. Erprobte Verfahren sollten gemeinsam beschafft und stadtweit eingesetzt werden. Bitkom empfiehlt Kommunen ausdrücklich, weniger selbst zu entwickeln und mehr bewährte Lösungen zu beschaffen. Offene Standards sollen dafür sorgen, dass Systeme zusammenarbeiten. [Bitkom: Empfehlungen zur digitalen Basisinfrastruktur]
Drittens muss der Senat messbare Ziele veröffentlichen. Nicht nur Projektstarts, Budgets und Absichtserklärungen, sondern Ergebnisse: Wie viele Leistungen funktionieren vollständig digital? Wie lange dauert ein Vorgang? Wie oft müssen Daten erneut abgefragt werden? Wie zufrieden sind Nutzer?
Viertens braucht die Verwaltung echte Konsequenzen aus erfolgreichen Pilotprojekten. Was funktioniert, muss zum Standard werden. Was nicht funktioniert, muss beendet werden. Dauerhafte Parallelwelten aus Papier, E Mail, Fachverfahren und manueller Übertragung sind teuer und fehleranfällig.
Digitalisierung schützt Freiheit und Steuergeld
Digitale Verwaltung wird gern als Technikthema behandelt. Tatsächlich geht es um Freiheit.
Jede unnötige Behördenschleife nimmt Menschen Zeit, über die sie nicht selbst verfügen können. Jede vermeidbare Wartezeit verzögert eine Gründung, eine Investition oder ein privates Vorhaben. Jeder doppelt erhobene Datensatz bindet Beschäftigte an Routinearbeiten, statt ihnen Raum für schwierige Fälle zu geben.
Ein liberaler Staat verlangt nicht weniger Staat um jeden Preis. Er verlangt einen Staat, der seine notwendigen Aufgaben zuverlässig, sparsam und bürgernah erfüllt.
Dazu gehört auch Datensicherheit. Digitale Verfahren müssen von Beginn an sicher und widerstandsfähig geplant werden. Sicherheit ist aber kein Argument für den Erhalt schlechter analoger Prozesse. Sie ist eine Qualitätsanforderung an gute digitale Prozesse.
Platz 33 darf Berlin nicht genügen
Ein Ranking bildet nie die gesamte Wirklichkeit ab. Auch der Smart City Index misst ausgewählte Indikatoren und gewichtet seine fünf Bereiche gleich. Er ist kein abschließendes Urteil über jede einzelne Leistung der Stadt.
Aber das Ergebnis ist zu deutlich, um es kleinzureden. Berlin liegt bei seinen großen Schwächen nicht knapp hinter der Spitze. Die Hauptstadt landet bei Verwaltung auf Platz 48 und in zwei weiteren Bereichen auf Platz 59.
Am 20. September entscheiden die Berlinerinnen und Berliner über die nächste politische Führung dieser Stadt. Digitalisierung gehört dabei nicht ins Kleingedruckte. Parteien sollten erklären, welche Leistungen sie bis wann vollständig digitalisieren, wer persönlich dafür verantwortlich ist und woran die Öffentlichkeit den Erfolg messen kann.
Berlin braucht keine weitere Digitalstrategie für das Regal. Berlin braucht eine Verwaltung, die im Alltag funktioniert.
Eine Hauptstadt auf Platz 33 ist kein Schicksal. Es ist ein Auftrag, endlich zu liefern.