2,5 Prozent: Die Berliner FDP braucht keine Ausreden, sondern einen Neustart

2,5 Prozent sind kein Missverständnis. Sie sind ein politischer Offenbarungseid.

Die Berliner FDP hat den Einzug ins Abgeordnetenhaus zum zweiten Mal in Folge klar verfehlt. Gegenüber 2023 hat sie fast die Hälfte ihres damaligen Stimmenanteils verloren. Wer dieses Ergebnis mit ungünstigen Umfragen, taktischem Wählen oder der bundespolitischen Lage erklärt, macht es sich zu leicht.

Die Verantwortung liegt nicht bei den Wählern. Sie liegt bei der Partei.

Als Mitglied der FDP sage ich das ohne Freude, aber mit Überzeugung. Berlin braucht eine starke klassisch liberale Kraft. Eine Partei, die Eigentum verteidigt, Bürgerrechte schützt, wirtschaftliche Freiheit ermöglicht und dem wachsenden Staat Grenzen setzt.

Genau diese Kraft haben zu wenige Berliner in der FDP erkannt. Das ist das Problem. Nicht die angeblich mangelnde Reife der Wähler.

Das Ergebnis lässt keinen Raum für Beschönigung

Nach dem vorläufigen Ergebnis erreicht die FDP 2,5 Prozent der Zweitstimmen. Bei der Wiederholungswahl 2023 waren es noch 4,6 Prozent. Die Partei verliert damit deutlich und bleibt erneut außerhalb des Abgeordnetenhauses. Die Wahlbeteiligung stieg zugleich von 62,9 auf 74,2 Prozent. Tagesschau: Vorläufiges Ergebnis der Berlin Wahl 2026 und Wahlergebnisse nach Angaben des Landeswahlleiters

Die Linke gewinnt mit 25,7 Prozent. Die CDU fällt auf 18,8 Prozent, die AfD steigt auf 16,3 Prozent, die Grünen kommen auf 14,3 Prozent und die SPD auf ein historisches Tief von 12,1 Prozent. Das BSW scheitert mit 4,7 Prozent knapp an der Fünfprozenthürde. Diese Zahlen sind vorläufig und müssen noch amtlich bestätigt werden. rbb24, 21. September 2026

Die höhere Beteiligung widerlegt die bequeme Hoffnung, die FDP sei lediglich Opfer allgemeiner Politikverdrossenheit geworden. Viele Menschen sind wählen gegangen. Sie haben sich nur nicht für die FDP entschieden.

Das ist hart. Aber nur diese Ehrlichkeit ermöglicht einen Neuanfang.

Verantwortung zu übernehmen ist richtig

Der Landesvorsitzende und Spitzenkandidat Christoph Meyer hat noch am Wahlabend seinen Rücktritt angeboten. Er hat das Ergebnis als bitter bezeichnet und persönlich Verantwortung übernommen. Bericht zum Rücktrittsangebot von Christoph Meyer, 20. September 2026

Das verdient Respekt. Politische Verantwortung zeigt sich nicht darin, Niederlagen mit Kommunikationsfehlern zu erklären und anschließend weiterzumachen wie bisher.

Ein Rücktritt allein löst das Problem aber nicht.

Die Berliner FDP ist nicht an einer einzelnen Person gescheitert. Sie ist daran gescheitert, ein klares liberales Angebot sichtbar, glaubwürdig und relevant zu machen. Wer jetzt nur den Vorsitz austauscht und danach dieselben Botschaften mit neuen Gesichtern sendet, wird beim nächsten Mal wieder vor derselben Wand stehen.

Personalfragen gehören auf den Tisch. Zuerst braucht es jedoch Klarheit darüber, wofür diese Partei überhaupt gebraucht wird.

Berlin hat genug Parteien für mehr Staat

Linke, Grüne und SPD versprechen unterschiedliche Varianten eines größeren, teureren und lenkenderen Staates. Die CDU spricht über Entlastung und Eigentum, trägt in der Regierung aber ein Vergesellschaftungsrahmengesetz mit und verwaltet einen weiter wachsenden Apparat.

Die politische Marktlücke liegt nicht in einer weiteren abgeschwächten Form dieser Angebote.

Berlin braucht eine Partei, die grundsätzlich fragt: Muss der Staat das wirklich tun? Kann private Initiative die Aufgabe besser lösen? Welche Freiheit geht durch eine neue Regel verloren? Wer bezahlt die nächste Subvention? Welche Behörde kann entfallen?

Das ist nicht kalt. Es ist verantwortungsvoll.

Ein Staat, der für alles zuständig sein will, erledigt am Ende seine Kernaufgaben schlecht. Berlin erlebt das bei Verwaltung, Sicherheit, Schulen, Infrastruktur und Genehmigungen. Gleichzeitig wächst der politische Anspruch, Preise, Eigentum, Verkehr, Wohnen und wirtschaftliche Entscheidungen immer detaillierter zu steuern.

Die FDP muss diesem Anspruch nicht ein freundlicheres Formular geben. Sie muss ihm widersprechen.

Ein gutes Programm genügt nicht

Die Berliner FDP hat in ihrem Wahlprogramm viele richtige Forderungen formuliert. Beim Wohnen wollte sie Umwandlungsverbote aufheben, mehr Eigentum ermöglichen, Bauvorgaben reduzieren und Genehmigungen beschleunigen. FDP Berlin: Wohnen und Eigentum

Auch die Forderung „Reformieren statt subventionieren“ beschreibt grundsätzlich den richtigen Weg: Strukturen verändern, statt immer neues Geld in ineffiziente Systeme zu leiten. FDP Berlin: Reformieren statt subventionieren

Doch Parteien werden nicht für die Existenz eines Programms gewählt. Sie werden gewählt, wenn Menschen ihnen zutrauen, ein erkennbares Problem konsequent zu lösen.

Zu viele Berliner konnten offenbar nicht sagen, welche eine grundlegende Veränderung nur mit der FDP möglich wäre. Wer überall ein wenig mitredet, aber nirgendwo den politischen Konflikt bestimmt, wird austauschbar.

Liberalismus darf nicht wie ein Katalog vernünftiger Detailkorrekturen wirken. Er ist eine klare Vorstellung vom Verhältnis zwischen Bürger und Staat.

Der Bürger ist nicht Kunde einer allzuständigen Verwaltung. Er ist frei, verantwortlich und grundsätzlich berechtigt, sein Leben selbst zu gestalten.

Der Staat ist nicht Erzieher, Investor, Vermieter, Unternehmer und Schiedsrichter in einer Person. Er schützt Rechte, gewährleistet Sicherheit, setzt verlässliche Regeln und hält die notwendige Infrastruktur funktionsfähig.

Diese Trennlinie muss wieder sichtbar werden.

Nicht nach links rücken und nicht die AfD kopieren

Nach Niederlagen beginnt zuverlässig die Suche nach einer vermeintlich attraktiveren politischen Mitte. Häufig bedeutet das: weniger klare Positionen, mehr staatliche Programme und noch vorsichtigere Sprache.

Dieser Weg wäre falsch.

Wer sozialdemokratische Politik möchte, findet in Berlin mehrere etablierte Anbieter. Eine FDP, die Umverteilung nur etwas effizienter organisiert, wird nicht gebraucht.

Ebenso falsch wäre der Versuch, die AfD durch schärfere Empörung oder einfache Feindbilder zu kopieren. Bürgerrechte, Rechtsstaat, offene Märkte und individuelle Freiheit sind mit autoritärem Denken nicht vereinbar.

Die Antwort auf ein Erstarken von links und rechts ist kein taktisches Hinterherlaufen. Sie ist ein selbstbewusster Liberalismus.

Klar beim Eigentum. Klar gegen Enteignung. Klar für kontrollierte staatliche Ausgaben. Klar gegen Überwachung und Gesinnungskontrolle. Klar für eine gesteuerte Einwanderung nach nachvollziehbaren Regeln. Klar für Polizei und Justiz, die bestehendes Recht durchsetzen. Klar für Unternehmen, Selbstständige und Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Nicht lauter um jeden Preis. Aber eindeutiger.

Die Erneuerung muss konkret werden

Ein Neustart darf nicht in einer Kommission, einer Mitgliederbefragung ohne Folgen oder einem neuen Slogan enden.

Erstens braucht die Berliner FDP eine unabhängige und vollständige Wahlanalyse. Welche Gruppen wurden erreicht? Wo gingen frühere Wähler verloren? Welche Botschaften wurden wahrgenommen? Wo war die Partei organisatorisch unsichtbar? Ergebnisse gehören den Mitgliedern offengelegt.

Zweitens muss das politische Angebot auf wenige Konflikte konzentriert werden, bei denen Freiheit und Staatsgläubigkeit sichtbar aufeinandertreffen. Eigentum oder Vergesellschaftung. Wettbewerb oder Subventionsverwaltung. Bürgerrechte oder Überwachung. Bauen oder Regulieren. Eigenverantwortung oder Bevormundung.

Drittens braucht die Partei personelle Erneuerung durch offenen Wettbewerb. Keine vorab ausgehandelten Lösungen in kleinen Zirkeln. Kandidaten müssen erklären, wofür sie stehen, was sie verändern und woran ihr Erfolg gemessen werden kann.

Viertens muss die FDP wieder dauerhaft dort präsent sein, wo wirtschaftliche und persönliche Verantwortung gelebt wird: bei Selbstständigen, Handwerkern, Gründern, Freiberuflern, Beschäftigten, Eigentümern und jungen Menschen, die etwas aufbauen wollen. Nicht erst sechs Wochen vor einer Wahl.

Fünftens muss die Partei den Mut entwickeln, auch unpopuläre Wahrheiten auszusprechen. Nicht jede gewünschte Leistung kann der Staat bezahlen. Nicht jedes Risiko lässt sich wegregulieren. Nicht jeder Preis lässt sich politisch festsetzen. Nicht jede Ungleichheit ist eine Ungerechtigkeit.

Eine liberale Partei gewinnt nicht dadurch Vertrauen, dass sie allen etwas verspricht. Sie gewinnt Vertrauen, indem sie Grenzen staatlicher Macht glaubwürdig vertritt.

Auch junge Wähler wurden nicht erreicht

Die Linke war besonders stark bei jungen Menschen. Laut einer Wahltagsbefragung wählten 43 Prozent der Menschen unter 25 Jahren und 48 Prozent der Menschen zwischen 25 und 34 Jahren die Linke. rbb24: Analyse des Wahlabends

Darauf mit Geringschätzung zu reagieren wäre arrogant und politisch dumm.

Junge Menschen erleben hohe Mieten, unsichere Perspektiven und einen Staat, der bei großen Versprechen stark und bei alltäglichen Leistungen schwach ist. Die Linke hat ihnen einfache und emotional verständliche Antworten angeboten.

Die liberale Antwort darf nicht aus einer Vorlesung über Volkswirtschaft bestehen. Sie muss konkret zeigen, warum Eigentum Unabhängigkeit schafft, warum Wettbewerb Chancen eröffnet, warum ein wachsender Staatsapparat künftige Generationen belastet und warum Freiheit mehr ist als die Erlaubnis, zwischen staatlich vorgegebenen Optionen zu wählen.

Wer junge Menschen für Liberalismus gewinnen will, muss ihnen etwas zutrauen. Selbstbestimmung, Aufstieg und Unternehmergeist sind keine Themen einer bestimmten Altersgruppe. Sie sind Zukunftsthemen.

2,5 Prozent sind ein Auftrag

Die FDP hat diese Wahl verloren. Daran gibt es nichts umzudeuten.

Aber der Liberalismus ist nicht widerlegt, nur weil seine Partei ein schlechtes Ergebnis erzielt. Im Gegenteil: Wenn Enteignung, staatliche Preislenkung und immer neue Ausgabenprogramme an Zustimmung gewinnen, wird eine konsequent freiheitliche Stimme dringender gebraucht.

Diese Stimme muss sich ihre Glaubwürdigkeit allerdings neu verdienen.

Mit Selbstkritik statt Ausreden. Mit offenem Wettbewerb statt Hinterzimmerlösungen. Mit weniger Staat statt neuen Förderprogrammen. Mit Eigentum, Verantwortung und starken Bürgerrechten.

Die Berliner FDP darf jetzt nicht kleiner denken, vorsichtiger sprechen und weiterwursteln.

Sie muss neu anfangen. Grundsätzlich, personell und inhaltlich.

2,5 Prozent sind kein Grund aufzugeben. Sie sind der Auftrag, endlich wieder unverwechselbar liberal zu werden.