Berlins Wohnungskrise: Enteignen baut keine einzige Wohnung

Berlin hat keine Wohnungskrise, weil es zu viele Vermieter gibt. Berlin hat eine Wohnungskrise, weil zu wenig gebaut wird.

Heute wählen die Berlinerinnen und Berliner ein neues Abgeordnetenhaus. Kein Thema bestimmt diese Wahl stärker als Mieten und Wohnen. Genau deshalb muss vor dem Gang zur Wahlurne eine einfache Wahrheit ausgesprochen werden: Man kann Wohnraummangel nicht wegregulieren.

Mietendeckel, Vergesellschaftung und immer neue Auflagen verteilen den Mangel allenfalls neu. Sie schaffen kein Grundstück, keine Baukolonne und keine zusätzliche Wohnung.

Wer bezahlbares Wohnen will, muss bauen lassen. Privat, genossenschaftlich und öffentlich. Schnell, dicht und auf mehr Flächen. Alles andere ist die politische Verwaltung einer Knappheit, die der Staat selbst mitverursacht hat.

Der Mangel ist messbar

Nach einer aktuellen Analyse zur Berliner Wahl werden bis 2040 rund 211.000 zusätzliche Wohnungen benötigt. Die Angebotsmieten haben sich demnach seit 2014 nahezu verdoppelt. Wohnen ist deshalb zum beherrschenden Thema dieses Wahlkampfes geworden. Reuters, 18. September 2026: Berlins Wohnungsnot prägt die Wahl

Gleichzeitig ist der Neubau eingebrochen. Im Jahr 2025 wurden in Berlin nur noch rund 11.000 Wohnungen fertiggestellt. Ein Jahr zuvor waren es etwa 14.600. Bei neu errichteten Wohnungen betrug der Rückgang ungefähr ein Drittel. Bericht auf Grundlage der Daten des Amtes für Statistik Berlin Brandenburg, 22. Mai 2026

Der Einbruch ist kein rein Berliner Phänomen. Deutschlandweit sank die Zahl fertiggestellter Wohnungen 2025 um 18 Prozent. Zugleich erloschen 35.700 Baugenehmigungen, so viele wie seit 2002 nicht mehr. Statistisches Bundesamt, 22. Mai 2026

Hohe Zinsen, Baukosten und Fachkräftemangel spielen eine Rolle. Doch Berlin verschärft diese Bedingungen durch langsame Verfahren, politische Unsicherheit, komplizierte Vorgaben und eine offene Debatte über die Vergesellschaftung privaten Eigentums.

Kapital ist nicht verpflichtet, in Berlin zu bauen. Es geht dorthin, wo Projekte kalkulierbar sind. Wer Investoren gleichzeitig braucht und ihnen politisch mit Zugriff auf ihr Eigentum droht, darf sich über ausbleibende Investitionen nicht wundern.

Enteignung ist die teuerste Form des Stillstands

Im März 2026 hat das Abgeordnetenhaus mit den Stimmen von CDU und SPD ein Vergesellschaftungsrahmengesetz beschlossen. Es regelt Voraussetzungen, Verfahren und Entschädigung für die Überführung von Eigentum in Gemeineigentum. Das Gesetz soll vor seinem Inkrafttreten vom Berliner Verfassungsgericht überprüft werden. Überblick zum Beschluss des Abgeordnetenhauses, 12. März 2026

Damit hat ausgerechnet eine angeblich bürgerliche Koalition den institutionellen Rahmen für den Zugriff auf privates Eigentum geschaffen.

Die juristische Bezeichnung Vergesellschaftung ändert nichts am wirtschaftlichen Kern: Bestehende Wohnungen wechseln gegen Entschädigung den Eigentümer. Keine einzige neue Wohnung entsteht.

Der Staat müsste Milliarden aufbringen oder langfristige Verpflichtungen eingehen. Dieses Geld fehlte anschließend für Schulen, Verkehr, Polizei oder die Erschließung neuer Bauflächen. Zusätzlich entstünden Verwaltungskosten, Bewertungsstreitigkeiten und jahrelange Gerichtsverfahren.

Noch gravierender ist das Signal. Wer heute Wohnungsbestände vergesellschaften will, muss morgen erklären, warum privates Kapital neue Wohnungen in dieser Stadt finanzieren soll.

Eigentum ist kein Fehler im System. Eigentum schafft Verantwortung, ermöglicht Investitionen und schützt Bürger vor einem Staat, der sonst zugleich Gesetzgeber, Genehmiger, Vermieter und Preisbestimmer wäre.

Berlin sollte das Vergesellschaftungsrahmengesetz wieder aufheben. Ein Senat, der Wohnungen braucht, darf Investoren nicht wie politische Gegner behandeln.

Mietendeckel verteilen Privilegien

Auch ein schärferer Mietendeckel löst den Mangel nicht.

Ein niedriger staatlicher Höchstpreis kann für denjenigen angenehm sein, der bereits einen Vertrag besitzt. Für Wohnungssuchende entsteht dadurch aber keine zusätzliche Tür, hinter der eine Wohnung wartet.

Im Gegenteil. Wenn Vermietung immer unrentabler und rechtlich unsicherer wird, sinkt der Anreiz, Wohnungen zu bauen, zu modernisieren oder überhaupt anzubieten. Bestandsmieter werden geschützt, während junge Menschen, Zugezogene und Familien auf der Suche draußen bleiben.

Das ist keine gerechte Wohnungspolitik. Es ist die Privilegierung derjenigen, die rechtzeitig im System waren.

Wo der Staat Menschen mit geringem Einkommen unterstützen muss, sollte er dies transparent und personenbezogen tun. Wohngeld ist ehrlicher als eine flächendeckende Preissteuerung, die auch Haushalte begünstigt, die keine Hilfe benötigen.

Die soziale Frage wird nicht dadurch gelöst, dass der Staat für jede Wohnung einen politisch erwünschten Preis festlegt. Sie wird gelöst, wenn mehr Wohnungen entstehen und zielgenaue Hilfe dort ankommt, wo Einkommen tatsächlich nicht reicht.

Das Tempelhofer Feld darf kein Denkmal des Mangels bleiben

Der Volksentscheid von 2014 war eine demokratische Entscheidung. Er muss ernst genommen werden. Er ist aber keine ewige Verfügung über eine Stadt, deren Bevölkerung, Wohnungsbedarf und wirtschaftliche Lage sich verändert haben.

Demokratie bedeutet nicht, dass eine politische Entscheidung nie wieder geändert werden darf. Sonst könnte kein Parlament auf neue Tatsachen reagieren.

Aktuelle Konzepte zeigen, dass eine Randbebauung Wohnraum für bis zu 50.000 Menschen ermöglichen könnte, während rund 200 Hektar Freifläche erhalten blieben. Vorgesehen sind Größenordnungen von bis zu 21.000 Wohnungen. Das ist noch keine fertige Planung und jede Zahl muss in einem belastbaren Verfahren geprüft werden. Aber es zeigt, dass die Alternative nicht zwischen vollständiger Betonierung und vollständigem Stillstand liegt. VBKI, 16. September 2026: Debatte über die Randbebauung

Eine von der IHK Berlin veröffentlichte Umfrage ergab im Mai 2026 eine Zustimmung von knapp 59 Prozent zu einer maßvollen Randbebauung. 25 Prozent lehnten sie ab. Auch unter Anhängern der Grünen gab es demnach eine Mehrheit für eine begrenzte Bebauung. IHK Berlin, 20. Mai 2026

Die künftige Koalition sollte das Tempelhofer Feld Gesetz ändern und einen transparenten Wettbewerb für eine begrenzte Randbebauung starten. Mit Wohnungen, Gewerbe, Kitas und guter Verkehrsanbindung. Der zentrale Freiraum muss öffentlich bleiben.

Wer in einer Stadt mit akutem Wohnungsmangel eine riesige innerstädtische Fläche vollständig von jeder Bebauung ausschließt, trifft ebenfalls eine soziale Entscheidung. Er entscheidet sich gegen Wohnungen und damit gegen Menschen, die heute keine finden.

Der Staat muss Baurecht schaffen, nicht selbst alles bauen

Berlin braucht nicht den nächsten milliardenschweren Wohnungsbauapparat. Die Stadt braucht verlässliches Baurecht und eine Verwaltung, die Entscheidungen trifft.

Erstens müssen Bebauungspläne und Genehmigungen verbindliche Fristen bekommen. Liegen vollständige Unterlagen vor, darf ein Projekt nicht jahrelang zwischen Senat, Bezirk und Fachbehörden kreisen.

Zweitens muss mehr gebaut werden dürfen. Dachaufstockungen, Hinterhofbebauung, Umwandlungen leer stehender Gewerbeflächen und höhere Gebäude sollten grundsätzlich möglich sein, solange Sicherheit und berechtigte Nachbarrechte gewahrt bleiben.

Drittens gehören Stellplatzvorgaben, Gestaltungsvorgaben und Ausstattungsauflagen auf den Prüfstand. Jede politisch bestellte Zusatzanforderung erscheint einzeln vernünftig. Zusammen machen sie Wohnungen unbezahlbar.

Viertens sollte das Land geeignete Grundstücke in Erbbaurecht oder im Verkauf wettbewerblich vergeben. Nicht nur an landeseigene Gesellschaften, sondern auch an Genossenschaften, private Bauherren und mittelständische Entwickler. Entscheidend sind Tempo, Qualität und ein tragfähiges Konzept, nicht die Rechtsform des Bauherrn.

Fünftens muss Berlin Investitionen wieder willkommen heißen. Institutionelle Anleger, private Vermieter und Projektentwickler sind nicht das Problem. Ohne ihr Kapital ist der benötigte Neubau schlicht nicht finanzierbar.

Wettbewerb bedeutet dabei nicht Regellosigkeit. Verträge müssen gelten. Mieter müssen vor Betrug, rechtswidrigen Kündigungen und bewusst verschwiegenen Mängeln geschützt werden. Bauherren müssen für Qualität und Sicherheit haften.

Das sind Kernaufgaben eines Rechtsstaates. Die politische Festlegung jedes Preises und jeder Nutzung ist es nicht.

Heute geht es um eine Richtungsentscheidung

Heute entscheiden rund 2,5 Millionen Wahlberechtigte über die Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses. Die Wahllokale sind bis 18 Uhr geöffnet. Nach den letzten Umfragen sind komplizierte Mehrheiten und eine Koalition aus drei Parteien wahrscheinlich. Tagesschau Liveblog zur Berlin Wahl, 20. September 2026

Bei der Wohnungspolitik verläuft die entscheidende Grenze nicht zwischen Mietern und Vermietern. Sie verläuft zwischen einer Politik, die den Mangel verwaltet, und einer Politik, die mehr Angebot ermöglicht.

Enteignung, Mietendeckel und neue Verbote klingen nach Entschlossenheit. Tatsächlich schützen sie den Stillstand.

Berlin braucht den Mut, Bauland zu öffnen, Eigentum zu respektieren und private Investitionen wieder zu ermöglichen. Auch am Tempelhofer Feld.

Wer bezahlbare Wohnungen will, muss aufhören, diejenigen zu bekämpfen, die sie bauen können.

Gehen wir heute wählen. Und stimmen wir für eine Stadt, die bauen lässt statt Mangel zu verwalten.