Wachstum, das vor allem aus neuen Staatsschulden entsteht, ist kein Wirtschaftswunder. Es ist geliehene Zeit.
Die Bundesregierung will ihre Wachstumsprognose für 2026 offenbar deutlich anheben. Statt 0,5 Prozent erwartet sie nach einem Reuters Bericht nun 1,3 Prozent. Für 2027 werden 1,1 Prozent und für 2028 nur noch 0,6 Prozent erwartet. Die offizielle Herbstprojektion soll am 8. Oktober vorgestellt werden. Bis dahin handelt es sich bei den Regierungszahlen um Angaben aus einem Entwurf. Reuters, 1. Oktober 2026 Reuters
1,3 Prozent sind besser als Stillstand. Darüber muss man nicht streiten.
Aber Politik beginnt dort, wo man fragt, wie dieses Wachstum entsteht und ob es bleibt.
Die Antwort ist ernüchternd. Der Aufschwung wird wesentlich von schuldenfinanzierten Staatsausgaben und einer robusten Auslandsnachfrage getragen. Gleichzeitig liegt das langfristige Wachstumspotenzial nach Einschätzung der Bundesbank nur noch bei 0,4 Prozent. Die Unternehmen investieren zu wenig, die Produktivität steigt kaum und das Arbeitskräfteangebot schrumpft. Deutsche Bundesbank, Rede von Präsident Joachim Nagel, 2. Oktober 2026 Deutsche Bundesbank
Das ist keine strukturelle Erholung. Es ist ein staatlicher Nachfrageimpuls auf einem weiterhin schwachen Fundament.
Der Staat kann Nachfrage kaufen, aber keine Dynamik verordnen
Die Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für 2026 ebenfalls ein Wachstum von 1,3 Prozent und für 2027 von 1,1 Prozent. Sie nennen ihre Diagnose jedoch nicht „Wirtschaftswunder“, sondern „Aufschwung mit Strukturproblemen – Finanzpolitik auf Abwegen“.
Die Institute stellen fest, dass die expansive Finanzpolitik die Erholung stützt. Zugleich bleibe der Aufschwung im historischen Vergleich ungewöhnlich schwach. Für 2028 erwarten sie nur noch 0,4 Prozent Wachstum. Das staatliche Finanzierungsdefizit soll dagegen von 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2026 auf 4,7 Prozent im Jahr 2028 steigen. Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026, 24. September 2026 Gemeinschaftsdiagnose
Das Verhältnis stimmt nicht.
Deutschland nimmt immer mehr Geld auf, um immer weniger dauerhaftes Wachstum zu erzeugen. Die Kreditaufnahme steigt, während die wirtschaftliche Tragfähigkeit nach dem Ende des Ausgabenimpulses wieder absinkt.
Natürlich kann kreditfinanzierte Infrastruktur sinnvoll sein. Eine reparierte Brücke, ein leistungsfähiges Schienennetz, eine funktionierende digitale Verwaltung und eine verteidigungsfähige Bundeswehr gehören zu den Aufgaben eines handlungsfähigen Staates.
Doch nicht jede Ausgabe wird zur Investition, nur weil die Politik sie so nennt. Und auch eine notwendige Investition ist nicht kostenlos. Sie muss geplant, wirtschaftlich umgesetzt und später unterhalten werden.
Der Staat kann mit geliehenem Geld kurzfristig Aufträge auslösen. Er kann damit aber keine produktiven Unternehmen, keine Innovation und keine private Risikobereitschaft ersetzen.
Sondervermögen sind Schulden
Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität umfasst bis zu 500 Milliarden Euro. Für 2026 sind daraus Ausgaben von 58,07 Milliarden Euro vorgesehen, für 2027 weitere 54,92 Milliarden Euro. Finanziert werden sie über Kredite am Kapitalmarkt. Deutscher Bundestag: Die Sondervermögen des Bundes Deutscher Bundestag
Das Wort Sondervermögen klingt nach einem gut gefüllten Konto. Tatsächlich handelt es sich um zusätzliche Kreditermächtigungen.
Der Haushaltsplan bestätigt die Größenordnung. Das Bundesfinanzministerium rechnet für 2026 mit einer gesamten Nettokreditaufnahme einschließlich Sondervermögen von 181,6 Milliarden Euro. Für 2027 sind 196,5 Milliarden Euro vorgesehen. Danach bleibt die Summe nach der Finanzplanung bis 2030 in jedem Jahr nahe 200 Milliarden Euro. Bundesfinanzministerium, Eckwerte zum Bundeshaushalt 2027 Eckwerte für den Bundeshaushalt 2027 beschlossen
Diese Kredite werden nicht von „dem Staat“ zurückgezahlt. Sie werden von Bürgern und Unternehmen bedient. Über Steuern, geringere finanzielle Spielräume und Zinsen, die künftige Haushalte belasten.
Verschuldung kann in einer außergewöhnlichen Sicherheitslage notwendig sein. Wer Verteidigungsfähigkeit ernst nimmt, darf sich hier keiner Illusion hingeben. Aber gerade notwendige Ausgaben verlangen Prioritäten an anderer Stelle.
Die Bundesregierung tut das Gegenteil. Sie schöpft die regulär zulässige Nettokreditaufnahme vollständig aus und ergänzt sie durch Sondervermögen und Bereichsausnahmen. Das ist keine Konsolidierung. Es ist die systematische Verlagerung politischer Rechnungen in die Zukunft.
Inflation frisst die gute Nachricht
Die Wachstumszahl ist real, also um Preissteigerungen bereinigt. Für die Bürger zählt trotzdem, was am Monatsende übrig bleibt.
Im September stiegen die Verbraucherpreise nach vorläufigen Angaben um 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gegenüber August betrug der Anstieg 0,6 Prozent. Energie war 14,9 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Auch die Kerninflation ohne Nahrung und Energie lag bei 2,4 Prozent. Statistisches Bundesamt, 30. September 2026 Statistisches Bundesamt
Die Regierung erwartet dem Reuters Bericht zufolge für 2027 eine Inflation von 3,0 Prozent. Wenn Preise schneller steigen als viele Einkommen, fühlt sich ein statistischer Aufschwung im Alltag wie Rückschritt an.
Hinzu kommt ein ordnungspolitisches Problem. Ein großer schuldenfinanzierter Nachfrageimpuls trifft auf begrenzte Kapazitäten. Es fehlen Fachkräfte, Genehmigungen dauern, Netze sind knapp und Baukosten hoch. Dann steigen nicht nur Mengen und Leistung, sondern auch Preise.
Mehr Staatsgeld löst diese Engpässe nicht automatisch. Es kann sie sogar verschärfen, wenn öffentliche Auftraggeber und private Unternehmen um dieselben Arbeitskräfte, Flächen und Materialien konkurrieren.
Das eigentliche Problem heißt 0,4 Prozent
Die politisch wichtigste Zahl lautet deshalb nicht 1,3, sondern 0,4 Prozent.
So niedrig schätzt die Bundesbank das Potenzialwachstum der deutschen Wirtschaft. Vor zehn Jahren wuchsen die Produktionsmöglichkeiten nach ihren Angaben noch drei bis vier Mal so schnell.
Potenzialwachstum ist keine Schlagzeile für den nächsten Wahlkampf. Es entscheidet aber darüber, wie schnell Einkommen, Steuereinnahmen und Wohlstand langfristig wachsen können, ohne die Inflation weiter anzuheizen.
Mit 0,4 Prozent lassen sich die Versprechen des Sozialstaates, eine alternde Bevölkerung, höhere Verteidigungsausgaben und moderne Infrastruktur nicht gleichzeitig finanzieren.
Die Politik kann diese Rechnung nicht durch ein weiteres Sondervermögen verändern. Sie muss die Bedingungen verbessern, unter denen Menschen arbeiten, investieren und Unternehmen führen.
Eine liberale Wachstumsagenda
Erstens müssen Arbeit und Leistung stärker belohnt werden. Steuern und Sozialabgaben auf mittlere Einkommen gehören spürbar gesenkt. Mehrarbeit darf nicht zum größten Teil beim Staat landen. Der Einkommensteuertarif muss regelmäßig und vollständig an die Inflation angepasst werden, damit Lohnerhöhungen nicht durch die kalte Progression entwertet werden.
Zweitens braucht Deutschland mehr flexible Arbeitszeit. Entscheidend sollte die wöchentliche Höchstarbeitszeit sein, nicht eine starre tägliche Grenze. Arbeitnehmer und Arbeitgeber können selbst vereinbaren, ob längere Arbeitstage und dafür zusätzliche freie Tage zu ihrem Leben passen. Schutz vor Ausbeutung bleibt notwendig. Staatliche Detailsteuerung jeder Arbeitswoche ist es nicht.
Drittens müssen private Investitionen wieder rentabel und planbar werden. Unternehmenssteuern gehören international wettbewerbsfähig gestaltet. Abschreibungen müssen Investitionen erleichtern. Neue Belastungen, rückwirkende Regeländerungen und politisch gesetzte Preise schrecken genau das Kapital ab, das für Modernisierung gebraucht wird.
Viertens braucht jedes neue Gesetz einen Bürokratiepreis. Entsteht eine neue Meldepflicht, muss mindestens eine bestehende Pflicht mit vergleichbarem Aufwand entfallen. Nicht irgendwann, sondern mit Inkrafttreten. Behörden müssen verbindliche Bearbeitungsfristen erhalten. Schweigen darf nicht zum Geschäftsmodell der Verwaltung werden.
Fünftens muss der Staat seine Ausgaben priorisieren. Sicherheit, Gerichte, Infrastruktur und Bildung gehören zu seinen Kernaufgaben. Subventionen für einzelne Branchen, Unternehmen oder politisch gewünschte Konsumentscheidungen gehören regelmäßig auf den Prüfstand. Was keinen nachweisbaren öffentlichen Nutzen bringt, muss enden.
Sechstens dürfen neue Schulden nur echte zusätzliche Investitionen finanzieren. Jede größere Maßnahme braucht einen transparenten Wirtschaftlichkeitsnachweis, klare Meilensteine und eine öffentliche Erfolgskontrolle. Geld, das nur bestehende Haushaltsausgaben ersetzt, ist keine Zukunftsinvestition.
Die Regierung darf fremde Leistung nicht vereinnahmen
Wenn Exporte steigen, Unternehmen investieren oder Beschäftigte produktiver arbeiten, entsteht Wertschöpfung in Betrieben und Belegschaften. Die Regierung setzt Rahmenbedingungen. Sie produziert diesen Wohlstand nicht selbst.
Deshalb darf sie eine höhere Prognose nicht als Beleg für den Erfolg ihrer Wirtschaftslenkung verkaufen.
Ein Teil des Wachstums kommt aus der robusten Weltwirtschaft. Ein weiterer Teil entsteht durch staatliche Ausgaben, die künftige Steuerzahler finanzieren. Die strukturellen Probleme bleiben bestehen. Das zeigen gerade die Zahlen der Bundesbank und der von der Regierung beauftragten Forschungsinstitute.
Politische Ehrlichkeit verlangt deshalb drei Sätze:
Der konjunkturelle Aufschwung ist willkommen.
Er ist zu einem erheblichen Teil schuldenfinanziert.
Er ersetzt keine Reformen.
Die FDP muss die Rechnung aufmachen
Deutschland braucht eine liberale Partei, die gute Nachrichten nicht kleinredet, aber auch keine staatliche Erfolgserzählung übernimmt.
Die FDP muss erklären, warum Wachstum aus Freiheit entsteht: weil Menschen arbeiten, sparen, investieren, gründen, erfinden und Risiken übernehmen. Der Staat schützt Eigentum und Verträge, sorgt für Sicherheit und stellt eine funktionierende Grundinfrastruktur bereit. Er darf diese Aufgaben nicht mit der Steuerung der gesamten Wirtschaft verwechseln.
Eine glaubwürdige FDP muss deshalb gleichzeitig für solide Finanzen und notwendige Investitionen stehen. Sie darf keine kaputte Brücke verteidigen, nur um eine schwarze Null vorzuzeigen. Sie darf aber ebenso wenig jede Ausgabe als Investition akzeptieren, nur weil sie über ein Sondervermögen finanziert wird.
Die liberale Antwort lautet: Prioritäten statt Schuldenroutine. Wettbewerb statt Subventionspolitik. Leistungsanreize statt immer höherer Abgaben. Verlässliche Regeln statt politischer Detailsteuerung.
1,3 Prozent Wachstum sind eine Atempause. Mehr nicht.
Die Bundesregierung sollte sie nutzen, um endlich die Wachstumskräfte zu befreien, bevor der schuldenfinanzierte Impuls verpufft.
Deutschland braucht keinen Aufschwung auf Pump. Deutschland braucht eine Wirtschaft, die aus eigener Kraft wächst.